Es fing ganz harmlos an. Im Jahr 1963 - frisch verheiratet und mit Baby - bastelte ich Maria, Josef und das Kind, stellte etwas Tannengrün, einen Rauschgoldengel und eine dicke Kerze dazu; die erste Krippe war fertig. Im nächsten Jahr - wir waren inzwischen von Wien nach Zug in der Schweiz übersiedelt - kamen drei Hirten und drei Schafe dazu, im übernächsten Jahr die Heiligen Drei Könige, dann Ochs und Esel und noch zwei Engel und der böse Herbergswirt. Mittlerweile war auch aus einem Stück Wurzel ein Stall gebaut worden. Die Krippe stand in der Ecke des Wohnzimmers und so hätte es eigentlich bleiben können.
   
Nach 10 Jahren Wanderschaft (7 Jahre in der Schweiz, 3 Jahre in Stuttgart) sind wir in Salzburg in einem kleinen Reihenhaus in Taxham gelandet. Von Jahr zu Jahr wurde ein Fach mehr im Bücherregal für die Krippe ausgeräumt. Meine blühende Phantasie, mein handwerkliches Geschick, gepaart mit meinem Hang zur Perfektion, ließ die Krippe von Jahr zu Jahr mehr ausufern. Es entstand die Stadt Bethlehem und das alpenländische Krippendorf mit der entsprechenden Bevölkerung. Die Krippe begann die ganze Bücherwand zu füllen, das Wohnzimmer wurde beinahe unbewohnbar. Nachdem die Kinder studienhalber außer Haus waren, wanderte die Krippe in das Büro meines Mannes in die Griesgasse und füllte binnen weniger Jahre die gesamte Wand im Besprechungszimmer. Der alljährliche Auf- und Abbau wurde verständlicherweise zum Problem. Nachdem mein Mann in die Steingasse übersiedelte, war endlich ein Raum vorhanden, in dem die Krippe ganzjährig aufgestellt werden konnte, natürlich mit einem weiteren Umbau.
 
Die Bevölkerung der Krippe besteht nach der letzten Volkszählung (2004) aus 302 Figuren: Die Heilige Familie (3), eine Schar Engel (82), Dorfbewohner (63), Stadtbewohner (81), Heilige Könige mit Gefolge (51) und Tiere (29). An Lokalen und Geschäften gibt es alles, was ich brauche: Asiatische Lebensmittel, Trafik, Buchhandlung, Reisebüro und was sonst noch nötig ist: Apotheke. Damenschneiderei, Arztpraxis, koschere Gemischtwarenhandlung, Bauernmarkt, Musikalienhandlung, eine Galerie und natürlich unser Beisl in Venedig, das "ai cugnai". Durch die heftige Bautätigkeit im Laufe der Jahre und die Fülle der Figuren geschah etwas, was mich sehr störte und mich zu einem erneuten Umbau der Krippe veranlasste. Die Heilige Familie war kaum mehr zu finden. Es gab kein Zentrum. Daher wurde der gesamte Mittelteil entfernt, weg mit dem malerischen Stall samt Öchslein, Eselchen und Lämmchen, weg mit allen ablenkenden Geschäften in unmittelbarer Umgebung der Heiligen Familie. Hirten, Engel und Könige mussten nun Abstand halten, die Heilige Familie war abgehoben vonn dem Trubel rundherum und wurde dadurch zum Zentrum.
 
Von der Stille des Zentrums ist am Himmel, im Dorf und in der Stadt nichts zu merken. Die Geschäfte und Lokale sind geöffnet und die Kinder sind noch auf der Straße - erstaunlich zu dieser späten Stunde. Der Engelgospelchor jubiliert aus voller Kehle, das Engel-Streichquartett und -Orchester musiziert eifrigst. Drei Mandolinenspieler klampfen und die Hirten sind mit Mundharmonika, Flöten, Gitarre und Ziehharmonika zugange. Vieles in der Krippe hat familiäre Hintergründe: Die Loferer Steinberge als Kulisse hinterm Dorf, weil dort meine Familie im Krieg evakuiert war. Die Kleinarler Berge und das Elternhaus meines Mannes. Die Trattoria "ai cugnai" und die Kunstgalerie des Vittorio Benvenuti stammen aus Venedig, wo ich oft ausgestellt habe. Die balinesiche Tänzerin erinnert an einen Indonesienaufenthalt, die Fischhalle an Fuerteventura, der Rettung aus vielen Salzburger Wintern.
     
   
Einige Figuren sind auch Portraits - und ich bin auch zu finden, natürlich wie üblich mit Zigarette. Die bemalten Möbel in der Damenscheiderei hat mir mein Vater 1948 für meine Puppenstube gebastelt. Freunde, insbesondere Helmuth Hölzl, haben die Stoffresterln, Flinserl, Spitzen und Bänder für die Gewänder der Figuren und die Musikinstrumente beigesteuert. Nicht zu vergessen ist die Mithilfe des Elektromeisters Max Aichhorn bei der Installation der Beleuchtung. Die Krippe hat also eine Entstehungszeit von 42 Jahren und es ist kein Ende abzusehen, Dorf- und Stadtentwicklung auch in der Krippe zur Steingasse. Ein Besuch in der stillen Zeit in der stillsten Gasse von Salzburg hat schon vielen Freude bereitet.
Text: Brigitte Aichhorn-Kosina