nomad
Textil-StudentInnen des Mozarteums

Eröffnungsrede zur Vernissage
am 24.Mai 2013
„nomad“
Ausstellung von Studierenden des Faches Textiles Gestalten - Arbeiten aus der Textilpraxis Filzen.

Die Textilkunstgalerie gibt wieder einmal Studierenden des Faches Textiles Gestalten am Mozarteum die Möglichkeit in den Galerieräumen auszustellen. Das Jahresthema für alle Bereiche ist heuer „Nomaden“, so erklärt sich fürs Erste das Ausstellungsthema.
Hier in der Galerie werden nur die Arbeiten aus der Textilpraxis Filzen präsentiert. Es ist für die 6 Studierenden aus dem 2. und 4. Semester eine Freude und Ehre, bereits ausstellen zu dürfen, noch dazu wenn man weiß, dass in unserer Folgeausstellung Werke von Tanja Boukal gezeigt werden, die eine international anerkannte Künstlerin ist, sodass das Museum der Moderne im November eine Einzelausstellung von ihren Werken präsentiert.
Die Studentinnen haben nach ihrem Einführungs-Filzpraktikum unterschiedliche Konzepte zum Thema Filz und Nomaden entwickelt.
Filz in der Kunst ist seit den Werken von Joseph Beuys  ein Begriff. Alle kennen den Mythos, dass er 1944 mit einem Kampfflugzeug in einen Schneesturm geraten und über der Krim abgestürzt sei. Der Pilot sei gestorben und Beuys wäre schwer verletzt von Krimtartaren gerettet worden, die ihn in ihre Filzjurte gebracht hätten, ihn mit  Fett eingerieben und in Filz gewickelt hätten, um ihn zu aufzuwärmen, sodass er überleben konnte.
Auf jeden Fall war Filz für Beuys ein Symbol für Schutz und Wärme und er hat ihn oft in seinen Werken eingesetzt. Z.B. kleidete er schon 1966 ein Klavier in Filz ein, bekannt sind seine Filzanzüge von 1977 und andere Installationen. Im Jahr 1985 ließ er in London die ganze Galerie D´ Offay mit Filz auskleiden. Das Material für seine Filzkunstwerke bestellte er bei den Vereinigten Filzfabriken AG in Giengen, die ab den 60-er Jahren des 20. Jhdts an Museen und Galerien mit Filzobjekten, Filzskulpturen und Filzinstallationen nach Vorgaben des Künstlers belieferten. In den Aufzeichnungen der Fabrik ist zu lesen, dass Beuys immer Polsterfilzqualität mit der Nummer 2131 verlangt hat, einen grobfaserigen Filz mit Einschlüssen von Kletten und Samen, die sich im Schafwollvlies verfangen hatten.
Dieser Hinweis führt mich zur Arbeit von Vanessa Pritz. Sie ging von 120 Gramm weißem Schafwollvlies aus, das ebenfalls pflanzliche Einschlüsse aufweist. Das Material, das in einem kleinen Betrieb im Lungau gereinigt und kardiert wird, stammt von Schafen aus dem Gebiet. Der Bezug zum Thema Nomaden liegt darin, dass viele Nomaden große weiße Filze für die Jurten, ihre Filzbauten anfertigen, die sehr strapazierfähig, dicht und wärmend sein müssen.
Vanessa präsentiert hier im Fenster die exakte Menge von 120 Gramm Vlies,  aufgeschichtet als Block. Man sieht, wie zart und weich die Wollbüschel ursprünglich sind. Die hängende Installation zeigt Filzflächen aus ebenfalls genau 120 Gramm Vlies, die aber unterschiedlich groß und transparent sind. Vanessa ist es ein Anliegen zu zeigen, welch unterschiedliche Filzqualität durch verschieden lange Bearbeitung entsteht. Je länger der Filz gerieben wird, desto dichter, härter und kleiner wird er. Aus gleichen Ausgangsbedingungen entsteht ein sehr unterschiedliches Erscheinungsbild dieser textilen Haut.

Ebenfalls den Entstehungsprozess eines Filzes thematisiert Eva Svarovsky. In Kirgisien und anderen Ländern wird Wollvlies auf großen Matten oder Teppichen in hohen Schichten aufgelegt, dann wird alles mit heißem Wasser begossen und schließlich rollen mehrere Leute gemeinsam das nasse Vlies in die Unterlage ein, sodass eine schwere Walze entsteht. Ein Reiter, hinter dessen Pferd die Walze angehängt wird, reitet stundenlang über die Steppe. Da die Walze hinterher rollt und ständig am Boden aufschlägt, verdichtet sich in der Walze das Vlies zu einem Filzteppich. Eva hat diesen Entstehungsprozess nachgeahmt. Sie hat rotes und oranges Vlies sorgfältig auf einer Matte ausgelegt, es benetzt, in die Matte eingerollt und hat dann die schwere Walze mit ihrem Fahrrad stundenlang nachgezogen. Durch diesen anstrengenden Kraftakt ist es ihr gelungen, einen schönen farbigen Filzteppich in sehr guter Qualität zu erzeugen. Der Film ist Teil der Arbeit von Eva Svarovsky und dokumentiert den ungewöhnlichen Filzprozess.

Im gleichen Raum befinden sich zwei weitere, ganz unterschiedliche Filzprojekte. Im Schaufenster präsentiert Laura Nowy eine Satteldecke, die vom Format und von der Filzqualität her genau diese Funktion erfüllen könnte. Laura hat die Filzfläche im Nachhinein mit Hilfe einer Filznadel gestaltet. Trockene farbige Vliesstücke werden penibel mit einer spitzen Nadel mit Widerhaken in die Grundfläche gestochen. Für Laura sind die Formen und Zeichen wichtig. Sie hat verschiedene Piktogramme aneinandergereiht, sodass sich eine Art Bilderschrift ergab. Eine Erzählung, vielleicht von der Wanderung und Festen der Nomaden, die sich nicht leicht erschließen lässt. Laura Nowy ist es ein Anliegen, dass die Besucher die Satteldecke genau betrachten und die Motive im Einzelnen wahrnehmen. Sie sind aufgefordert, die Zeichen auf Ihre individuelle Weise zu interpretieren und das auf den vorbereiteten Zetteln zu notieren.

An der großen Wand hängen 4 Porträts einer Nomadenfamilie. Für Manuela Schrattenecker  ist der Ausdruck  von Freude und Zufriedenheit in den Gesichtern der jungen und älteren Menschen wichtig. Nomaden besitzen wenig, sie tragen alles bei sich und leben auf engstem Raum. Familiärer Zusammenhalt, Rücksicht auf einander und organisierte Abläufe bestimmen die Lebensform. Dieses Reduzieren auf das Wesentlichste, auf das Notwendigste, das für eine nomadische Lebensform typisch ist, wurde von Manuela auch im Entwurf beachtet. Die Gesichter wurden auf die notwendigsten Linien und Flächen abstrahiert, sodass nur das Charakteristische bleibt.
Manuela hat eine weitgehend unbekannte Textiltechnik verwendet, die Tuchintarsie. Bei dieser historischen Textiltechnik werden farbige Stoffstücke so zugeschnitten, dass sich beim Aneinandernähen bildhafte Motive ergeben. Vor allem im 18. Jahrhundert wurden Fahnen und sakrale Behänge mit Passionsszenen in dieser aufwendigen Technik gestaltet, heute ist sie vergessen. Manuela hat zuerst große Flächen in verschiedenen Farbtönen gefilzt und diese dann formgemäß zerschnitten und aneinander genäht. Bei den alten Tuchintarsien sind die Nähte versteckt auf der Rückseite, hier sind sie sichtbar und Teil der Gestaltung.

Im großen Raum geht es um sogenannte Stadtnomaden. Menschen, die aus Not oder freiwillig zeitweise in improvisierten Unterkünften in der Stadt leben. Olivia Brunner hat sich in Salzburg am Kapuzinerberg umgesehen und Menschen angetroffen, die in den Wehrtürmchen in der Mauer leben. Ohne Heizung, ohne Strom, aber frei und mit schöner Aussicht könnte man sagen. Olivia hat die Not gesehen, vor allem die Bedürfnisse nach Wärme und Schutz und hat einen großen Türteppich gestaltet, der mit seiner schweren Qualität sehr gut isolieren, Wind und Wetter abhalten könnte. Auf der nach außen gewandten Seite ist er grau und verschmilzt mit der Mauerfarbe, fällt nicht auf. Zum Innenraum des Wehrtürmchens hin ist der Teppich bunt und freundlich, soll die Bewohner nicht nur schützen, sondern auch Lebensfreude und Zuversicht vermitteln. In der Ausstellung nimmt der Teppich, auch wie bei den Nomadenjurten, seine Funktion als Türe ein.
Die Fotos zeigen, wie Olivia die Lebenssituation am Berg vorgefunden hat und wie ihr Teppich dort genutzt werden könnte.

Zum Schluss möchte ich die Installation von Nadja Brunnauer vorstellen. Sie zeigt eine Lebenssituation, die unterschiedlich interpretiert werden kann. Es ist ein improvisierter Unterstand, der den nötigsten Schutz bietet, aber auch ein gewissermaßen intimer Raum mit privaten Utensilien, die Abstand einfordern. Ist es die Behausung eines Obdachlosen, ist es Ort des freiwilligen Rückzugs? Der schöne Teppich, der auf dem Boden liegt, wurde von Nadja in aufwendiger Intarsientechnik gestaltet. Helles und dunkles Vlies wurde zuerst mühsam zu großen Teppichen gefilzt, dann wurden die Muster ausgeschnitten, die Teile zusammengenäht und am Schluss zusammengefilzt. Es ist eine langwierige und körperlich sehr anstrengende Arbeit so einen Shyrdak-Teppich anzufertigen. Es sind die wunderschönen wertvollen Textilien der nomadischen Kultur aus Kirgisien oder Usbekistan, auf die Nadja sich hier bezieht.

Innerhalb der Installation verweist der hier luxuriös anmutende Teppich auf die schützende und wärmende Funktion von Filz, bietet Geborgenheit und ist ein Zeichen der Hoffnung auf eine Verbesserung der Wohnsituation von Stadtnomaden.

Brigitte Leben

PROJEKT. NOMAD
Vanessa Pritz
Eva Svarovosky Laura Nowy
Vanessa Pritz Eva Svarovsky Laura Nowy
Manuela Schrattenecker Olivia Brunner Nadja Brunnauer
Manuela Schrattenecker Olivia Brunner Nadja Brunnauer
 
A1 A2 A3
Beim Arbeiten
A5

Fotoarbeiten von
Olivia Brunner

 

Filzarbeit von
Laura Nowy

A4
Manuela Tuchintarsie von
Manuela Schrattenecker
Manuela
Vanessa Olivia Nadja
Vanessa Pritz Olivia Brunner Nadja Brunnauer
 
Bilder der Vernissage
Rede Lehrende
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