Reese-Heim
Alfred Hruschka        

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Die Textil-Kunst-Galerie bietet diesmal Einblick in das Werk des niederösterreichischen Künstlers Alfred Hruschka. Er lebt und arbeitet nahe der Burgruine Falkenstein mitten in einem Weinanbaugebiet. Die Natur, Naturmaterialien und natürliche Veränderungsprozesse sind für die Kunst Alfred Hruschkas von großer Bedeutung. Er findet sein Material in der Umgebung, wie z.B. knorrige Weinstöcke und Holzstücke, die er mit Stoff überzieht oder gebrauchte Jutesäcke, die zu dreidimensionalen Objekten verschnürt werden. Die gesammelten Materialien inspirieren ihn durch ihre Form oder Beschaffenheit für seine künstlerischen Interventionen.
Im rechten Raum der Galerie wird eine Auswahl solcher Objekte gezeigt. Die Hölzer und Weinstöcke selbst wurden nicht bearbeitet, haben aber eine Art Kleidung erhalten, eine zweite gestaltete Haut aus rauem Jutematerial mit farbigem Aufdruck in Siebdrucktechnik. Durch die textile Haut werden die Objekte fast zu Lebewesen, die im Raum miteinander kommunizieren. Ein großes Objekt nimmt Kontakt auf mit einem weißen, zarten Hemd, dessen Aufdruck im Inneren eine Verwandtschaft zu ihm erkennen lässt. Das rote kugelförmige Objekt in der Auslage wurde aus seinem Netz befreit, in das es vorher eng eingeschnürt war. Die feste Umschnürung fixierte die dreidimensionale Form und hinterließ als Folge der Bemalung ein helles Muster auf der Oberfläche. In mehreren Ausstellungsstücken sieht man diesen Prozess des Zusammenschnürens von textilen Materialien zu Objekten. Die Jutesäcke, manchmal mit Aufdruck werden zusammengepresst, geformt und dann in einer individuellen Technik des Verknotens in der Form fixiert. Das geknotete Netz bildet die Haut und ein Korsett für das Objekt. Meist wird es dann bemalt, in Rot, Weiß oder Schwarz und zwar so, dass die textile Struktur des Jutegewebes noch sichtbar bleibt. Für Alfred Hruschka ist der Veränderungsprozess immer wichtig, der Alterungsprozess, auch die Veränderungen von Oberflächen und Farben durch Witterungseinflüsse. Also legt er manche Objekte in den Garten, ins Wasser, in die Erde. Er lässt es zu, dass sich die Werke ohne sein Zutun verändern. Berthold Ecker schreibt dazu: „Alfred Hruschka überantwortet seine Arbeiten der großen Werkstätte Natur und lässt sie mit Witterung, Tieren und Mikroben daran arbeiten, um nach einer gewissen Zeit wieder gestaltend einzugreifen.“
Er verändert oft selbst seine Objekte, er löst die Verschnürungen, befreit die Körper aus ihrer engen Hülle und schaut, was dadurch neu entstehen kann. Das schwarze Objekt an der Wand wurde aus dem Netz gelöst, die Form lässt erahnen, dass vorher ein Baum eingeschnürt worden war. Die Arbeit wirkt wie eine abgestreifte Schlangenhaut, die noch auf die vorherige Form verweist. Im Gegensatz dazu ist ein rotes Objekt an der Wand noch fest verschnürt. Es handelt sich um  eine spannende geschlossene Form, versiegelt durch eine Farbschicht, die durch aufgedruckte Schrift neugierig auf das Innere macht. Alfred Hruschka wird das Objekt vielleicht einmal öffnen.
Im linken Raum der Galerie hängen große Kokons. Ein schwarzer, nur mehr als durchsichtige Netzhülle, ein weißer noch mit geheimnisvollem Inhalt. Etwas scheinbar Lebendiges entwickelt sich darin, etwas wird möglicherweise ausschlüpfen. Im Schaufenster befinden sich noch mehrere Objekte, die auf solch einen Verpuppungsprozess verweisen. Innerhalb der Hülle verändert sich etwas, die Hülle wird aufgerissen und hinterlässt Spuren in der Form des Objekts und auf der Oberfläche. Beide, die Hülle und das Objekt bestehen selbständig weiter.
Die weiß bemalte Arbeit an der schmalen Wand zeigt nach dem Lösen der Schnürung einerseits das bedruckte Innenleben, lässt uns aber auch die dicke Farbschicht sehen, mit der die Außenhaut des zuvor eingeschnürten Objekts bemalt war. Gerade diese Arbeit visualisiert ein für Alfred Hruschka wichtiges Thema:  das Innere und das Äußere – vor allem wie sich das Äußere mit der Zeit verändert. Das Innere, - das innen Abgeschlossene, - bleibt so, wie es war.
You cannot cheat nature, heißt die Ausstellung. Du kannst die Natur nicht betrügen. Speziell die Arbeit, die Maschenzaun und pflanzliche Substanzen verbindet, stellt uns vor Augen, dass die Natur sich Dinge zurückholt. Dass die Natur das vom Menschen Gemachte mit der Zeit wieder überwuchert, zersetzt oder auch ganz zerstören kann.
Alles verändert sich durch Alterung und Einflüsse der Umwelt, auch wir selbst. Blätter und Blüten trocknen, Dinge verstauben, vergilben, verwesen. Die beiden ausgestellten Hemdchen mit getrockneten Kräutern und Asche verweisen auf solche natürlichen Prozesse und auch auf den Tod.
Die auf dem Plakat abgebildete Arbeit wirkt auf die Distanz wie ein abgetragenes Kleid, beim näheren Hinsehen erschließt sich, dass eine Substanz wie getrockneter Brei über eine textile Struktur geflossen zu sein scheint. Was daran ist vorgefundenes Material, was wurde gestaltet?  Hat nur der Künstler selbst das Objekt bearbeitet oder auch Wind und Wetter? Gerade in diesem Objekt wird die künstlerische Arbeitsweise von Alfred Hruschka deutlich: er ist sehr sensibel für Materialien, die er in seiner Umgebung findet, er erkennt sie als spannend und wertvoll, er wählt aus und gestaltet, lässt die Zeit und die Natur mitwirken. In seiner Kunst werden natürliche Materialprozesse, wie Verwitterung und Zersetzung veranschaulicht und durch künstlerische Intervention transformiert.
Die ausgestellten Arbeiten wirken auf die Sinne, sie verleiten dazu, sie zu berühren, sie duften, sie beherbergen Geheimnisse. Auf jeden Fall geben sie uns Einblick in die Werthaltungen, das Denken und die Künstlerseele Alfred Hruschkas.  

Brigitte Leben



"You can't cheat nature"
von Alfred Hruschka
Bilder der Ausstellung
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Bilder zur Vernissage
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