Ausstellung "Lebensformen" im Oktober 2006 Brigitte Sindinger-Leben
Information zu meiner Person und zur Ausstellung:
Ich interessiere mich umfassend für Textilien, für textiles Material, für textile Kultur, historisch und aktuell. Ich habe Textiles Gestalten am Mozarteum studiert und Geschichte und Kunstgeschichte an der Uni Salzburg. Jetzt unterrichte ich Kulturgeschichte der Textilien und Theorie zu Textiltechniken an der Universität Mozarteum. Ich vermittle auch, wie sich das Gestalten mit Textilien historisch entwickelt hat, dabei interessieren mich besonders die Frauenleistungen innerhalb einer Gesellschaft. Ein zweiter Bereich meiner Lehrtätigkeit an der Universität ist die Textilpraxis im Filzen, Sticken, Stricken, Patchwork, Applikation… Das Arbeiten mit textilem Material. Das Weitergeben von Kulturtechniken aus verschiedenen Ländern. Als Fachdidaktikerin für Textiles Gestalten möchte ich die Studierenden mit meiner Leidenschaft für alles Textile anzustecken, damit sie es mit Freude in ihrem Beruf weiter tragen können. Die Theorie, das Wissen, das Sammeln von Informationen, das Reden über die Dinge hatte bei mir bisher Vorrang vor dem Machen. Für mich war es nicht leicht, mich zu entscheiden, in welchem Textilbereich ich arbeiten wollte. Ich hatte viele verschiedene Ideen und auch Möglichkeiten. Angeregt wurde ich durch meine Sammlung von Kleidungsstücken mit Punktemuster. Das war der Beginn der Arbeit. Der Wunsch, das regelmäßige Punkteraster zu stören, die Punkte in Bewegung zu bringen, -aus der Bahn und in den Raum-, war die Triebfeder der Auseinandersetzung. Etwas "auf den Punkt bringen" steckt dahinter, in langen Wochen und Monaten war es eher ein "Einkreisen", das mich zu den jetzt ausgestellten Arbeiten gebracht hat. Die Ausstellung zeigt Textilien, die ausschließlich heuer im Sommer entstanden sind. Zu den Exponaten: Das Wesentliche bei allen Textilien ist das Material, die Struktur und das Muster.Diese Gestaltungselemente sind in allen Textilien vereinigt, aber meist herrscht entweder das Muster vor oder eine besondere Struktur. Im ersten Raum ist der rote Punkt das vorherrschende Element. Ich sammle seit längerem Stoffe mit Punktmustern, weil es mich fasziniert, wie stark sich die Wirkung verändert, wenn die Punkte groß oder klein sind, wenn sie enger oder weiter zusammenstehen, hell auf dunkel oder umgekehrt liegen. Das Punktemuster ist neben den Streifen das ursprünglichste Muster überhaupt und es gibt unzählige Variationen davon. Mich hat es interessiert, die Punkte aus ihrem ursprünglichen Gefüge zu bringen, sie lebendig oder bewegt erscheinen zu lassen. Daraus ist die Serie von kleinen Stickereien "Lebensformen" entstanden. Auch in den größeren Stickereien zieht sich das gleiche Thema durch, nur ging es mir nicht mehr um das Tupfenmuster, sondern nur mehr um rote Punkte, die das Flächige verlieren können und dreidimensional werden, wenn man etwas hinzufügt. In zweiten Raum der Ausstellung geht es um textile Strukturen. Das innere Gefüge, der Aufbau eines Textils ist nur Insidern bewusst. Alle tragen mit ihren Kleidern Gewebe und Gestricke, aber fast niemand nimmt wahr, wie diffizil und kompliziert die Strukturen eigentlich sind. Ich wollte etwas wesentlich Textiles sichtbar und begreifbar im wörtlichen Sinn machen und habe zwei gestrickte und gehäkelte Strukturen in starker Vergrößerung gearbeitet, was nicht mit feinen Nadeln, sondern nur mit Hilfe von Vorhangstange und Besenstiel zu bewältigen war. Im selben Raum sind textile Strukturen, die technisch nicht einzuordnen sind. Ich habe nur mit den Fingern, ohne Werkzeug, durch Verschlingen und Binden textile Strukturen erzeugt, die man nicht benennen kann. In dieser archaischen Form kommt das typisch Textile besonders gut zur Wirkung. Das Material, wie auch die ornamentale Gliederung, die sich durch das regelmäßige Aneinanderreihen der Kreise ergibt. In Verbindung mit dem Hintergrund ergibt sich wieder ein Punktemuster. Während des Arbeitsprozesses wurde mir sehr stark bewusst, was auch wesentlich beim Gestalten mit Textilien ist. Es geht langsam, es dauert lange, bis die Arbeit fertig ist. Es erfordert große Disziplin und Selbstbeherrschung, eine lange Zeit an einer Stelle zu sitzen und durchzuhalten. Es wirkt wie Meditation, durch die immer gleichen, rhythmischen Handgriffe über viele Stunden und Tage fällt man in eine Art Trance und ist ganz bei sich. Nach einer Weile machen die Hände die Arbeit von selbst und der Kopf wird frei. Die Gedanken fließen und man steigt aus der Zeit aus.

LEBENSFORMEN
     
     
     
     
     
     
 
     
b