sedlak und jost
G.Jost und G.S.Sedlak

Margit Zuckriegl

Poetische Naturgeschichte
Die neuen Gemeinschaftsarbeiten von G.S. Sedlak und Günter Jost stecken ein weites Feld ab: zum einen widmet sich Sedlak wie schon seit vielen Jahren den textilen, haptischen Qualitäten seines bevorzugten Kunstmediums, dem Stoff, zum anderen verändert Jost seine fotografischen und montierten Arbeiten in komplexe Palimpseste. Es sind die Bereiche der Poesie und der Wissenschaft, des Handwerks und der Technologie, der Literatur und der Naturgeschichte, der Malerei und der Mathematik, die sich in diesen Arbeiten nicht nur berühren, sondern überlagern. Und sie changieren zwischen den Typologien, überschreiten permanent die Grenzen der kunsthistorischen Genres, erzählen von Poetiken des Alltags, von Mutationen und Veränderungen, vom Anfangen und vom Enden, vom Beschreiben und vom Dazudenken.

Die haptische Bibliothek
Ein Satz wird immer wieder gesagt, formuliert, geschrieben und gelesen – bis sich die Worte, die Buchstaben verselbständigen und in Materie verwandeln: „Werde hingehen und dem Schmerz das Wort aus der Wunde klauben“, schrieb die junge Schriftstellerin Elke Laznia in dem mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichneten Text und inspirierte Sedlak damit zu seinem Zyklus „Die Wunde“. Es sind der Schmerz und die Verletzung, die aus dem unversehrten  Ganzen ein mit Narben und Schrunden überzogenes Segment herausschneiden, es ist die permanente Wiederholung des Satzes, die die Bedeutung und den Inhalt verdichtet und in ausschnitthafte Gehäuse einpasst. In der haptischen Bibliothek von Sedlak und Jost lagern die Buchstabengeflechte und Wortskulpturen vor- und übereinander, jagen die imaginären Texte durch die Leere des Gitterkopfes. Konturen und Nerven, Strukturen und Silhouetten werden durch Stofffäden ausgebildet, eingesäumt, ausgegrenzt; im verflochtenen Schädel, dem Behältnis von Worten, Gedanken, Gefühlen hat nicht Unendliches Platz – ein Riss in der Oberfläche, ein Bersten der Hülle, eine Wunde im Körper.

Camouflage
Der zweite Teil der neuen Arbeiten, die in den Jahren 2011/2012 entstanden sind, entlehnt seinen Titel aus der Naturwissenschaft. Täuschung aber auch Anpassung, meint Camouflage, und der Begriff spielt im Allgemeinen auf das Tierreich an. Aneignung von Eigenschaften aus der Umgebung ist gemeint, aber auch Irreführung und tödliches Verwirrspiel. In diesen kleinformatigen Kompositarbeiten erreichen Sedlak und Jost eine Erweiterung des Kunstbegriffs in die Sphäre der Wissenschaft: wie ein Motto stehen Präparate aus dem naturhistorischen Museum Klagenfurt am Beginn dieser Arbeiten – die pelzig-niedliche Vogelspinne, der juwelenhaft glänzende Schmetterling. Und doch eignet beiden jeweils eine andere, weniger hübsche Daseinsform: das gefährliche Arachne-Tier, Symbol der Spinnerin und der Textilverarbeitung, ist selbst extrem gefährdet – dann nämlich, wenn es sich häutet und das  weiche, schutzlose Fleisch ohne Haarpanzer bloßliegt. Und die verschiedenen Daseinszustände von der hässlichen Schmetterlingslarve bis zum strahlenden Falter künden ebenfalls von Mutation und Verpuppung, vom Einspinnen und Ausschlüpfen, von der schützenden Epidermis und dem empfindlichen Inkarnat. Der Falter ist mit seinen Kokonfäden wie die Spinne mit ihren Netzgeweben ein dem Textilen zugeordnetes Insekt – zerbrechlich, flüchtig, von vergänglicher Substanz. Die Fleischvernähungen von Sedlak und Jost thematisieren wie in einer experimentellen Versuchsanordnung diese Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. Sie transferieren Begriffe der Naturgeschichte in das Vokabular der Kunst: hart-weich, Hülle-Kern, Panzer-Eingeweide, gallertartig-verkrustet. Und sie bewegen sich in einem namenlosen Raum, in dem sich das Gegenteil von Schönheit in Ekel verkehrt, die Schönheit allerdings auch dort geortet wird, wo sie nicht gleich offensichtlich zu Tage tritt.
Es waren die Künstler des Surrealismus, die – immer interessiert an kunstfernen Bereichen – bereits in den 1920er Jahren die Schönheit von natürlichen Organismen und wissenschaftlichen Systematiken entdeckten. Dabei waren es wohl die Strukturen der gewachsenen Kristallformen, der pflanzlichen Vegetationen, aber erstmals in der Kunstgeschichte waren es auch die abstrakten Formen von mathematischen und physikalischen Formeln, die ihr Interesse erweckten. Wie Skulpturen wirken die vom Physiker und „Himmelsmechaniker“ Henri Poincaré um 1900 angefertigten  dreidimensionalen Gebilde zu seinen Berechnungen des „unendlichen“ Raumes: es sind in Gips modellierte räumliche Hyperbelschnitte und ellipsoiden Kurvenberechnungen. Ähnlich wirken die komplexen Formelgebildes des Quantenphysikers Anton Zeilinger, der auf der aktuellen documenta 13 als einziger „Künstler“ Österreichs vertreten ist.
Man kann hier mit einem Zitat von Werner Heisenberg an die Theorie des Schönen seit der Antike anknüpfen, die sowohl für eine überzeugende Formel, wie auch für ein packendes Kunstwerk Gültigkeit hat: „Die Schönheit ist die richtige Übereinstimmung der Teile miteinander und mit dem Ganzen“.

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von G.S.Sedlak und Günter Jost
Galerie für Textilkunst, Salzburg, 3.8.2012

siehe auch haptic

 

Textilkunst-Galerie Sammlung Aichhorn in
Salzburg heute am 25.Sept.2012 um 19:00 Uhr

CAMOUFLAGE - HAPTISCHE BIBLIOTHEK
Eröffnung
haptic
Eröffnung
 
Arbeit
Arbeiten
Arbeit
Arbeit Arbeit Arbeit
Arbeit Arbeit Arbeit
Arbeit Arbeit Arbeit
 
haptisch haptisch haptisch
haptisch
haptische Bibliothek
Häutungen
Häutungen
Häutungen
 
Kopfbild Kopfbild Kopfbild
Kopfbild
Kopfbilder
Kopfbild
 
Krebs Krebs Krebs
Krebsbilder
Textiles Labor   Zyklus Wunde
textiles Labor   Zyklus Wunde
Bilder der Vernissage Vernissage Vernissage
Vernissage Vernissage
Vernissage Vernissage
Vernissage Vernissage